Geschichte (Langfassung)
Nichts hält länger als ein gutes Provisorium
Ein Versuch, die Ereignisse der letzten 30 Jahre um Wutzrock herum darzustellen.
1978: Die Politik des „Modernen Wohnens“ der 60er Jahren (sozialer Wohnungsbau ohne weitere Infrastruktur) mit ihren Wohnsilos in Bergedorf-West oder Lohbrügge zeigt deutliche Zeichen ihres Scheiterns. Die erhoffte soziale Integration findet nicht statt, wer kann, verlässt die Sozialbau-Ghettos, wer bleibt, verbleibt in Ödnis. Treppenhäuser verwahrlosen, Jugendliche gammeln herum und umgekehrt. Die sozialen Missstände und die Perspektivlosigkeit der Freizeitgestaltung gerade in Lohbrügge sind sicherlich ein Grund dafür, dass die neo-nationalistische Szene um den Christian Worch hier ihre Basis immer weiter ausbauen kann. Bereits 1979 sieht sich die sozialdemokratische Mehrheit im Bezirksparlament gezwungen, an diesem sozialen Brennpunkt ein Jugendzentrum zu fördern, um den Rechtsextremen den Boden zu entziehen. Das KAP, ein Jugendtreff der Kirchengemeinde am Kurt-Adams-Platz, kann diese Arbeit nicht allein leisten.
Im sozial harmonischeren Bergedorf schließen in dieser Zeit mehrere Kneipen und Clubs (Destille, Zumsel, Easy), in denen Jugendliche sich treffen; ab und zu spielen hier sogar Rockbands. Als die Läden geschlossen sind, gibt es keine öffentlichen Treffpunkte mehr, die auch bei schlechtem Wetter oder abends zur Verfügung stehen. Einzige Ausnahme ist das Lichtwarkhaus, ein staatliches Haus der Jugend mit Teestube und einem Hausmeister, der die Räume pünktlich zum Feierabend um 18 Uhr verschließt. Mit damals 100.000 Einwohnern hätte der Bezirk laut Verteilungsschlüssel mindestens drei Jugendzentren haben müssen (ein JZ pro 30.000 Einwohner).
In Bergedorf formiert sich allmählich die linke Jugendkultur. Die schon länger bestehenden Gruppen organisierter Jugendlicher von der SDAJ, den Jusos, dem KB oder auch der Evangelischen Jugend überspringen ihre politischen Gräben und bilden mit gleichaltrigen nicht unorganisierten Schülern und Auszubildenden eine „Aktionseinheit“. Das Trennende der jeweiligen politischen Ansichten tritt in den Hintergrund; es geht tatsächlich um die Verbesserung der Freizeitsituation. Und sie wollen nicht warten, bis die Jugend der Welt mit ihnen für den Umschwung sorgt, sondern sie wollen es jetzt und in ihrem Stadtteil Hamburg-Bergedorf.
Das Altersspektrum der rund 100-köpfigen Gruppe liegt zwischen 15 und 24 Jahren, die soziale Herkunft geht durch alle Schichten. Der einigende Punkt war die Idee eines selbst verwalteten Jugendzentrums. Selbstverwaltung bedeutet, dass die Besucher selbst bestimmen, wie sie das Zentrum inhaltlich gestalten, welche Kurse oder Gruppen sie anbieten, wie die Räume genutzt werden. Selbstverwaltung heißt auch, dass es keine hauptamtlichen Jugendarbeiter oder Gruppenleiter gibt – und keine Hausmeister. Auch die Öffnungszeiten sollten selbst bestimmt sein. Selbstverwaltung heißt dann auch noch, dass die Kontrolle über die staatlichen Zuwendungen, die dem Zentrum zustehen, allein den Jugendlichen obliegt.
Die Idee der autonomen oder selbst verwalteten Jugendzentren entstammt der Jugendbewegung der 70er Jahre. Doch die Anfang bis Mitte der 70er Jahre erkämpften selbst verwalteten Jugend- und Kulturzentren geraten schon gegen Ende des Jahrzehnts in Schwierigkeiten. Zum Teil hatten sie schlecht gewirtschaftet und mussten schließen, die meisten aber waren ganz einfach politisch nicht mehr erwünscht.
Anfang der 80er Jahre beginnt der konservative Rollback. In Westberlin will die geistig-moralische Wende mit aller Gewalt die Wohnkollektive in den besetzten Häuern bekämpfen, in Nürnberg wird das älteste selbst verwaltete Jugendzentrum der West-Republik, das „Komm“, von der Polizei umstellt, alle knapp 200 Besucher verhaftet und bis zu zwei Wochen festgehalten, ihr Vergehen: Sie hatten für einen toleranteren Umgang mit Hausbesetzern demonstriert. In Zürich wird das Autonome Jugendzentrum (AJZ) von den Behörden geschlossen, die Stadt erlebt einen zuvor nicht geahnten Jugendprotest. „Züri brennt“ steht auch auf Bergedorfer Mauern gesprüht – und versetzt die Politik in Angst und Schrecken. Und London erlebt die bis dahin blutigsten Jugendkrawalle – no future gegen die Polizei. In der Hamburger Markthalle dürfen keine Punk-Konzerte mehr stattfinden.
In diesem historischen Umfeld gründen die Bergedorfer Jugendlichen ordnungsgemäß erst einmal einen Verein. Im Juni des Jahres 1978 ist die konstituierende Sitzung von „Unser Haus - Verein für ein selbst verwaltetes Jugendzentrum in Bergedorf“. Der Name ist dem Refrain des Rauch-Haus-Songs von Ton, Steine, Scherben entliehen: „Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus...“ Die erste öffentliche Veranstaltung des Vereins ist eine Solidaritätsparty am 17.12.1978 in den Räumen des befreundeten staatlichen JUZ im Nachbarort Reinbek. Angekündigt wird die Gründungsfete mit dem abgewandelten Vortext der Asterix-Hefte: „Wir befinden uns im Jahre 1979 n. Chr. Ganz Deutschland ist besetzt...Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Jugendlichen bevölkerter Verein hört nicht auf, für ein selbst verwaltetes Jugendzentrum zu kämpfen. Und das Leben wird nicht leicht sein für die Bösewichter, die kein Jugendzentrum in Bergedorf sehen wollen.“
Auf spielerische Art verdeutlicht die Veranstaltung, wie bürokratisch und lebensfremd die Jugendarbeit in den staatlichen Häusern organisiert wird. Am Einlass erhält jeder Besucher Bezugsscheine, die zur Getränkebestellung ermächtigen („Achtung! Uhrzeiten beachten“) und auch die Anzahl der Toilettenbesuche festlegen. Die Veranstaltung ist en großer Erfolg, am Ende bleiben dem Verein 500 Mark sogar für die weitere Öffentlichkeitsarbeit. Am 6. Juni 1979 erfolgt die Eintragung ins Vereinsregister und „Unser Haus“ darf das Kürzel e.V. tragen.
Um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie groß die Unterstützung für den Verein ist und natürlich um weitere Gelder für die laufende Vereins- und Öffentlichkeitsarbeit zu sammeln, soll ein Musikfestival stattfinden. Und weil es ein Fest so groß und legendär wie Woodstock werden sollte, und weil in der Nähe des Veranstaltungsortes ein Wildschwein-Gehege liegt, und weil man auf jeden Fall „die Sau rauslassen“ wollte, sollte es Wutzrock heißen. Am 30. Juni 1979 feiern 2000 Menschen im Billtal-Stadion zu Bergedorf ihr erstes Wutzrock.
Alle Bands spielen umsonst oder gegen Erstattung der Fahrtkosten. Die Künstler stammen zumeist aus Bergedorf und dem Umland und sind – selbstverständlich – dem Verein, vor allem der Idee verbunden. Irgendwie kennt jeder jeden und jede jede, zumal auch die Reinbeker dieses erste Wutzrock mitorganisieren; bei folgenden Wutzrocks wird die Kooperation noch auf das „Umsonst & Draußen“-Festival aus Vlotho ausgebaut.